Von Bad Reichenhall nach Mali und zurück

Von Bad Reichenhall nach Mali und zurück

– Ein Jahr im Leben eines Soldaten –

Ein Bericht über die Arbeit an der ZDF 37 Grad Dokumentation
„Einsatz im Wüstensand – Ein Soldat auf Friedensmission“

Der Wind fegt kalt über die Berge runter nach Bad Reichenhall. Fröstelnd stehen wir – Daniel Moj und Jörg Stolpe – Anfang März vor dem Tor der Hohenstaufen-Kaserne. Punkt 10 Uhr begrüßt uns ein junger Mann mit einem Händedruck, den wir noch Stunden später spüren. Matthias Lehna ist Oberleutnant. In wenigen Monaten soll er für die Bundeswehr nach Mali gehen. Wir haben nur eine halbe Stunde, um Matthias Lehna kennen zu lernen und von unserem Projekt zu überzeugen. Für die Sendung 37 Grad des ZDF wollen wir einen Soldaten begleiten, der vor seinem ersten Einsatz in einem Krisen- oder Kriegsgebiet steht. Wir wollen dabei sein, wenn er sich vorbereitet, wenn er sich von seiner Familie und seinen Freunden verabschiedet und wenn er mehrere Monate mitten in einem Krisen- oder Kriegsgebiet stationiert ist. Nach 30 Minuten muss Lehna gehen. Viele Fragen sind noch offen. Aber wir haben ein gutes Gefühl.

 

Bis zum Nachmittag warten wir in einem Café in der Stadt. Unsere Hoffnung ist, dass Lehna noch einmal Zeit findet, uns ein weiteres Mal zu treffen. Vergebens! Auf dem Rückweg nach Köln entscheiden wir uns. Der Gebirgsjäger Matthias Lehna wird unser Protagonist für die 37 Grad Dokumentation „Einsatz im Wüstensand – Ein Soldat auf Friedensmission“.

Wochen später treffen wir Matthias Lehna wieder. Er trainiert mit seinem Zug im Gefechtsübungszentrum der Bundeswehr bei Magdeburg. Im simulierten Gefecht mit Panzern und Hubschraubern üben sie den Ernstfall. Es sind die ersten Drehtage mit den Soldaten. Jörg Stolpe muss vor allem eines tun: Das Vertrauen von Lehna und seinen Männern gewinnen. Jörg will nah ran. Die Distanz zwischen Kamera und den Soldaten soll verschwinden. Er hat sich daher für ein kleines Team entschieden. weitwinkelmedia hat den Kameramann Michael Gubin und unseren Tonmann Stefan Bohmeyer auf den Truppenübungsplatz geschickt. Mit der Sony FS7 gelingen dem Team cineastische Bilder, die den Stil des ganzen Films prägen werden.

In den folgenden Wochen und Monaten besucht Jörg Stolpe mit seinem weitwinkelmedia-Team immer wieder die Soldaten. Das Vertrauen wächst. Unsere Drohne DJI Mavic Pro darf über der Kaserne in Bad Reichenhall fliegen. Jörg schaut Matthias Lehna beim Packen der Ausrüstung für den Mali-Einsatz zu. Und wir lernen seine Frau Klara kennen. Klara ist schwanger. Wir erfahren viel über die Sorgen und Gedanken der Familie.

„Wir wollten nicht nur den Soldaten Lehna portraitieren, sondern den Menschen kennenlernen. Was treibt einen jungen Mann an, sein Leben für eine solche Aufgabe zu riskieren?“, sagt Jörg Stolpe.

Die Dreharbeiten sind auch immer wieder eine Gratwanderung für das Team der weitwinkelmedia und für Lehna und seine Familie. Ununterbrochen suchen wir die Balance zwischen ehrlichen, hautnahen Beobachtungen und dem respektvollem Umgang mit den Menschen, die uns diese Einblicke in ihr Leben gewähren.

Am 21. September 2017 sechs Uhr früh startet ein A310 der Deutschen Luftwaffe vom Flughafen Köln-Wahn. An Bord: Oberleutnant Matthias Lehna und ein Team der weitwinkelmedia. Der Autor und Kameramann Daniel Moj und der Kameramann Daniél Piedrola begleiten die Soldaten in den Einsatz der Vereinten Nationen. In der gesamten Sahel-Region herrscht erhöhte Gefahr für terroristische Anschläge und Entführungen. Vor allem Nordmali mit Gao und Kidal gilt als ein Drehkreuz des Drogenschmuggels von Südamerika Richtung Europa.

Daher verlangte das ZDF eine intensive Vorbereitung auf die Drehreisen in das Krisengebiet. Ein umfangreiches Sicherheitskonzept musste entwickelt werden. Das Team durchlief einen fünftägigen Lehrgang zum „Schutz und Verhalten in Krisenregionen“ am UN-Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Hammelburg.

Die Sonne brennt über dem schwer gesicherten Feldlager der Bundeswehr Camp Castor – am Rand der Stadt Gao. Hitze und Staub machen uns und den Kameras zu schaffen. Wir haben uns für einen Mix aus Sony FS7, Sony Alpha RII und Sony AX100 entschieden. Eine Handvoll GoPros und unsere Drohne sollen für die besonderen Perspektiven sorgen.

Bei den Dreharbeiten mit Lehna und seinen mehr als 40 Soldaten außerhalb des Feldlagers sind Schutzwesten und Helme Pflicht. Die Gefahr ist groß, in Kämpfe zwischen verfeindeten Banden, Ethnien und Stämmen verwickelt zu werden. Und auch Soldaten sind Ziele von Anschlägen. Die UN-Kräfte haben es immer wieder mit IEDs, improvisierten versteckten Sprengfallen, und TICs, Troops In Contact – also Zusammenstößen mit feindlichen Kräften, zu tun. Bei den Patrouillen gilt deshalb auch für uns Journalisten: Eigenmächtiges Handel gefährdet alle.

Ansonsten gibt es kaum Einschränkungen für das weitwinkelmedia-Team. Der Presseoffizier Oberleutnant Frank Tuschmo begleitet uns während den gesamten Dreharbeiten in Mali. Sein Auftrag ist es, Dinge möglich zu machen. Er spricht mit Soldaten, erklärt unser Projekt, wirbt um Verständnis, organisiert Transportmittel und unterbreitet uns immer wieder Vorschläge. Zu keiner Zeit haben wir den Eindruck, er würde die Dreharbeiten steuern oder auf die Aussagen von Lehna und den Soldaten Einfluss nehmen wollen. Nur unseren Wünschen an der Torwache und in der Kantine zu drehen, kommt die Bundeswehr nicht nach. Sicherheit und Privatsphäre sind die Gründe.

Drei Mal besuchen wir Oberleutnant Lehna und seinen Zug während seines fünf Monate langen Einsatzes im Wüstensand. Wir drehen den Alltag im Camp, die Patrouillen rund um Gao und die Aufträge in den Dörfern im Einsatzraum.

„Es ist erstaunlich, wie sich ein Mensch in so einer intensiven Zeit verändert. Matthias ließ uns daran teilhaben. So sind wir einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn militärischer Einsätze näher gekommen.“, fasst Daniel Moj zusammen.

Insgesamt beobachtet er fast einen Monat Lehna und seine Soldaten und fliegt mit ihnen am 8. Februar zurück nach Deutschland.

Unsere letzten Drehtage führen Jörg Stolpe wieder nach Bad Reichenhall. Matthias und Klara Lehna sind jetzt Eltern. In den Interviews mit den beiden wird klar, Mali liegt schon wieder weit zurück. Aber der Einsatz hat sie geprägt. Matthias Lehna sitzt auf einer Parkbank am Rande einer Almwiese und beschriebt es so: „Ich bringe mich auf meine Art und Weise in die Gesellschaft ein. Und das ist elementar wichtig. Und davon bin ich überzeugt!“ Nach mehr als einem Jahr Dreharbeiten mit Matthias Lehna können wir spüren, dass es eine Mischung aus Überzeugung und Trotz ist.

Der Film: „Einsatz im Wüstensand – Ein Soldat auf Friedensmission“ läuft in der Sendereihe 37 Grad des ZDF am 26. Juni 2018 um 22:15

 

 

Autoren: Daniel Moj und Jörg Stolpe
Kamera: Michael Gubin, Daniél Piedrola und Daniel Moj
Schnitt: Michael Gubin
Ton und Sounddesign: Stefan Bohmeyer
Sprecher: Arne Obermeyer
Produktion: Patrick Schlömer und Christian Stachel (ZDF)
Redaktion: Simone Grabs

Eine Produktion von weitwinkelmedia
Im Auftrag des ZDF © 2018